Donnerstag, 7. März: Sax Royal in der Scheune mit Gastautorin Tanasgol Sabbagh

Ausnahmsweise eine Woche früher als gewohnt liefert am Donnerstag, den 7. März, unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal ihre monatliche Show in der Scheune ab. Neue Geschichten, Gedichte und Lieder gibt’s von den vier Stammautoren: Michael Bittner stellt philosophische Weltbetrachtungen der heiteren Art an. Roman Israel erschüttert das Publikum mit grotesken Storys. Max Rademann erzählt von sonderbaren Gestalten im Erzgebirge und anderswo. Stefan Seyfarth macht sich auf seine hassgeliebte Heimat mehr als einen Reim. Wie immer haben sich die Royalisten aber auch noch einen literarischen Gast eingeladen: Diesmal begrüßen sie erstmals Tanasgol Sabbagh.

Tanasgol Sabbagh ist Spoken-Word-Performerin und tritt seit 2011 deutschlandweit mit ihren Texten auf. In diesen beschäftigt sie sich oft mit gesellschaftlichen Konflikten, zu denen sie immer einen persönlichen Bezug herstellt, und reflektiert über die Bedeutungen von Ungleichheit und Gleichwertigkeit. Ihren Bachelor machte sie in Orientwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politik. Sie engagiert sich als Vorstandsmitglied der Slam Alphas für die Unterstützung von Frauen* und Mädchen* in der Slamszene. Derzeit lebt sie in Berlin und ist Mitglied der Lesebühnenshow Parallelgesellschaft in Neukölln.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 7. März | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune (Alaunstraße 36-40) | Tickets im Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

Die Kassierer spielen

Nach dem Abendbrot lese ich noch ein paar Seiten Botho Strauß, dann mache ich mich auf zum Konzert der Kassierer. Der Weg ist nicht weit, aber kalt. Ich spute mich und verzichte auf den Kauf eines Wegbieres, das einem solchen Anlass eigentlich gemäß wäre. Mein Versäumnis reut mich auch sogleich, als ich vor der Konzerthalle stehe, umringt von Hunderten Menschen mit Bierflaschen an den Lippen. Mit trockener Kehle warte ich auf meinen Freund Hagen, mit dem ich zum Konzert verabredet bin. Vor einigen Jahren hatte ich Hagen in Berlin kennengelernt und in ihm einen Schicksalsgenossen erkannt, denn auch ihn hat es aus Sachsen nach Berlin verschlagen. Als wir damals in einer Winternacht aus dem Lokal Feuermelder stolperten, gelobte ich aus Gründen, die mir heute nicht mehr bekannt sind, mit ihm zusammen eines Tages ein Konzert der Kapelle Die Kassierer zu besuchen – ein Eid, an den ich mich seitdem stets gebunden fühlte.

Nun ist es soweit. Während ich allein warte und um mich her die Vorfreude der Massen tobt, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Ist meine Seele überhaupt noch jugendfrisch genug für solch einen Abend? Bin ich denn noch fähig zur Ausgelassenheit? Habe ich noch den Punk-Spirit? Bin ich nicht inzwischen viel zu abgeklärt und vergrübelt, um die Musik der Kassierer noch unbeschwert genießen zu können? Es war die Zeit, in der ich mit Freunden den Erwerb meiner Hochschulreife feierte, als mich Hits wie Blumenkohl am Pillemann und Sex mit dem Sozialarbeiter zuerst begeisterten. Das ist nun aber auch schon – Gott sei’s geklagt! – zwanzig Jahre her.

Hagen kommt nicht allein, sondern bringt gleich noch eine Menge Freunde mit. Unter ihnen ragt ein Mensch heraus: eine wohl fast zwei Meter große Frau, die auch sonst eine äußerst auffällige Erscheinung ist. Wie ich rasch erfahre, ist auch sie eine Sächsin im Berliner Exil. So gut wie alle Männer, die an unserer Gruppe vorbeilaufen, bleiben einige Augenblicke mit offenem Mund stehen, verblüfft vom Anblick der Riesenfrau. Zum ersten Mal wird mir wirklich bewusst, wie stark die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern schon dadurch geprägt werden, dass Männer es gewohnt sind, auf Frauen herabzublicken.

Unterdessen haben alle ihre Bierflaschen geleert und wir stellen uns an, zunächst allerdings an der falschen Schlange, wie uns einer der Männer am Einlass mitteilt. Wir müssen uns noch einmal woanders hinten einreihen und uns unter Vorlage unserer Karten einen Stempel abholen. Auf deutschen Punkkonzerten hat alles seine Ordnung. Drinnen ist es schon ziemlich voll. Und ich erfahre von Hagen, dass es noch voller werden wird: Das Konzert ist ausverkauft. Es herrscht eine merkwürdig aufgekratzte und ausgelassene Stimmung, wie auf einem Kindergeburtstag, bei dem Doppelkorn ausgeschenkt wird. Wir geben unsere Jacken ab und holen uns das erste Bier. Hagen kauft sich am Merchandising-Stand gleich ein T-Shirt, auf dem der Refrain des großen Hits Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist gedruckt steht. Dann laufen wir in den großen Saal, um einen Blick auf die Vorband zu werfen. Sie heißt Kotzreiz. Wäre es nicht großartig, denke ich kurz, wenn eine Band mit diesem Namen akustischen Emo-Pop spielen würde? Aber dem ist natürlich nicht so. In ihren sehr eingängigen Liedern propagieren Kotzreiz den Alkoholgenuss, mit einer gewissen Skepsis hingegen begegnen sie dem Nationalsozialismus. Beeindruckend die Entschlossenheit, mit der diese Jungs sich zu ihrer Musik bekennen, mitten in einer Ära, in der Punkrock nicht gerade als heißester Scheiß gilt. Junge Männer, die im Jahr 2007 eine Band namens Kotzreiz gründen, nötigen unbedingt Respekt ab.

Wir verlassen den Saal noch einmal, um neues Bier zu holen. Im Raucherzelt diskutieren wir die Frage, ob der alte Spruch, der Punk sei nicht tot, eigentlich immer noch gültig ist. Wir schauen uns um. Der Klub ist keineswegs nur mit Senioren gefüllt, die meisten Gäste sind wohl um die dreißig Jahre alt, aber Jugendliche sieht man tatsächlich nur wenige. „Ich glaube, Punk ist im Moment bei der jüngsten Generation nicht in Mode, weil ihnen der Sinn für den Reiz des Räudigen abgeht“, spekuliere ich. „Das Anarchische ist zurzeit auch nicht populär. Wenn ich sehr junge Menschen treffe, dann scheint es mir manchmal, als wäre ihr größter Wunsch, möglichst nicht unangenehm aufzufallen. Aber ich will auch kein Pauschalurteil fällen. Letztens beobachtete ich abends in der Dresdner Neustadt auf der Straße eine Gruppe von Schülern beiderlei Geschlechts. Sie liefen in abgerissener Kleidung herum, hörten lauten Punk von einem Rekorder und pissten lachend in die Hauseingänge. Bei diesem Anblick dachte ich: Es besteht Hoffnung! Hör auf, über die Jugend zu meckern, wie es alte Männer tun seit Erschaffung der Welt!“ Hagen fühlt sich von meinen Worten ermuntert, uns sein neues Tattoo zu zeigen. Nachdem der promovierte Werkstoffwissenschaftler seine Schulter entblößt hat, kommt ein schwarz-roter Stern zum Vorschein, in dem sich Spitzhacke und Schaufel kreuzen. Die Tätowierung sieht aus wie das offizielle Emblem der Antifa Erzgebirge. „Du bist wirklich jung geblieben!“, bescheinige ich anerkennend.

Wir kehren in den Saal zurück und kämpfen uns durch die Menge nach vorn. Schon nach wenigen Metern ist meine Kleidung vom Bier durchtränkt, das von allen Seiten herniederregnet, die Schuhsohlen schmatzen auf dem Fußboden. Wir postieren uns rechts vor der Bühne. Von dort aus ist eine kleine Bar an der Seite gut zu erreichen, in deren Angebot jemand Pfefferminzlikör zum Preis von einem Euro entdeckt hat. Als Wolfgang Wendland und seine Kollegen die Bühne betreten, werden sie nicht nur mit Jubel begrüßt, es ist eine riesige Welle der Liebe, die erst die Band überflutet und dann den ganzen Raum füllt. Vom ersten Lied an singt das Publikum begeistert mit. Es dauert nicht lange, da gibt der Sänger dem vielfach aus dem Publikum geäußerten Wunsch nach, sich doch bitte zu entkleiden.

Auch Menschen, denen die Musik der Kassierer unbekannt ist, wissen doch zumeist um die Leidenschaft der Mitglieder dieser Band dafür, sich auf der Bühne auszuziehen. Manche halten dies für kindische Geschmacklosigkeit. Tatsächlich handelt es sich um subversive Praxis. Die Zeigefreudigkeit der Kassierer ist ein Akt der Befreiung nicht nur im persönlichen, sondern auch im gesellschaftlichen Sinne. Denn es ist doch so: Obgleich das männliche Geschlecht die Fantasie und Wirklichkeit unserer Gesellschaft beherrscht, überall im Mittelpunkt steht oder zumindest hängt, ist es in der Öffentlichkeit so gut wie nie sichtbar. Der nackte weibliche Körper wird überall und andauernd gezeigt, muss zur Vermarktung der banalsten Produkte dienen oder ist selbst das Produkt. Der nackte Mann ist hingegen kaum irgendwo zu sehen. So ist der Penis eine Art verborgener Herrscher unserer Welt. Jeder weiß von ihm, alles gehorcht seinen Befehlen, alle richten sich nach seinen Wünschen. Aber der Penis ist nie gezwungen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen und seine Macht zu rechtfertigen. Indem die Kassierer sich entkleiden, zeigen sie den Kaiser nackt. Ganz anschaulich führen sie vor Augen, dass die Männlichkeit in Wirklichkeit nicht prachtvoll und gebieterisch aussieht, sondern klein, ein bisschen albern und sogar verletzlich. Es ist ein Akt der Entzauberung im Dienste der Aufklärung, den man auch aus feministischer Perspektive wertschätzen sollte. Zumal sich nicht nur die Musiker im Laufe des Abends immer wieder entkleiden, viele männliche Zuschauer tun es ihnen auf der Bühne nach.

Die körperliche Nacktheit der Kassierer ist dabei nur die sichtbare Entsprechung ihres künstlerischen Prinzips. Deswegen wirkt die Entblößung auch so ungezwungen und naturgemäß. Auch in ihrer Musik entblößen die Kassierer die Männlichkeit. In ihren kunstvoll gereimten Versen zeigen sie die Plumpheit, Dummheit und Geilheit des Mannes ohne jede Verhüllung, ja sogar in grotesker Übertreibung. Selbst vermeintliche Stärke verwandelt sich in dieser Lyrik in Schwäche, wie in dem Kunstlied Großes Glied, in dem einem Mann gerade wegen seines hypertrophen Geschlechts der sexuelle Erfolg verwehrt bleibt. Damit aber untergraben die Kassierer alle Versuche einer Verherrlichung der Männlichkeit. Ihr Anliegen ist mithin ein emanzipatorisches, eminent antisexistisches. Dass die Musiker sich über diese Zusammenhänge völlig im Klaren sind, zeigt sich, als sie mit den Zuschauern den Kanon „Stimmt alle ein, Sexismus ist gemein!“ anstimmen, um dann bruchlos zu ihrem sexpositiven Lied Mach die Titten frei, ich will wichsen überzugehen. Kann es sein, dass einigen männlichen Zuhörern die höhere Ironie des Schauspiels entgeht? Gewiss. Aber das schadet wenig. Die exzessive Selbstverarschung mag bewusst oder unbewusst vonstattengehen, die Männlichkeit wird so oder so nachhaltig entgiftet. Hätte Aristoteles schon die Kassierer gekannt, es wäre ihm vielleicht gelungen, seine Theorie der Katharsis präziser zu fassen.

Während die Band spielt, besuche ich regelmäßig die kleine Bar neben der Bühne. Auch nachdem meine Geldvorräte aufgebraucht sind, muss ich nicht dürsten. Irgendjemand aus der Runde der Freunde sorgt immer wieder großzügig dafür, dass ein Gespann aus Bier und Pfeffi den Weg auch in meinen Rachen findet. Es gibt hier kein Mein und kein Dein mehr, der Kapitalismus muss sich wenigstens für ein paar Stunden geschlagen geben. Mein Orientierungsvermögen lässt nach, ich fange an, mich in der wogenden Masse treiben zu lassen. Es ist berauschend, solch eine gemeinschaftliche Entfesselung von Gefühlen zu erleben, gerade in Zeiten, in denen die linke Jugendkultur oft mehr Gefallen daran zu finden scheint, sich durch immer neue Regeln und Verbote selbst einzuschnüren.

Als das Konzert endet und sich die Menge auflöst, irre ich eine Weile ziellos umher. Ich sehe vermutlich aus wie jemand, der einen Schlängellauf um unsichtbare Slalomstangen absolviert. Dann endlich entdecke ich meine Rettung: Die Riesenfrau ragt aus der Menge der kleinen Männer. Sie weist mir den Weg zurück zu Hagen und den anderen Genossen. Einmal mehr bestätigt sich eine alte Weisheit: Ein Mann in Verwirrung tut gut daran, sich an einer Frau zu orientieren.

Michael Bittner

Zitat des Monats Februar

Wir müssen Humanität und Härte vereinen.

Ergebnispapier des CDU-Werkstattgesprächs zur Migrationspolitik

Vielleicht ist es zuletzt doch diese Mischung von theoretischer Humanität und praktischer Unmenschlichkeit, die Deutschland zuweilen so unerträglich macht: die heilige Familie und die tödliche Hausgeburt, der unantastbare Rechtsstaat und das Schicksal der Untersuchungshaft, die Idee der Bildung und das Analphabetentum der geistig Behinderten, der Oberscharführer, der nach einem schweren Arbeitstag an der Gaskammer sich beim Violinspiel erholt.

Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland

Donnerstag, 14. Februar: Unsere Lesebühne Sax Royal in der Scheune mit Gastautor Michael Schweßinger

Wie immer am zweiten Donnerstag des Monats beweisen die Jungs von der Dresdner Lesebühne Sax Royal am 14. Februar in der Scheune, dass Lesungen nicht trocken und dröge sein müssen, sondern feuchtfröhlich und unterhaltsam sein können. Die Stammautoren Michael Bittner, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth haben neue Geschichten, Gedichte und Lieder im Gepäck, die ihre Weltpremiere erleben werden. Heiteres aus dem sächsischen Alltag gibt’s ebenso zu hören wie gewitzte Kritik an der Weltordnung. Wie immer wird die Lesebühne auch noch durch einen literarischen Gast bereichert: Diesmal ist es Michael Schweßinger aus Leipzig.

Michael Schweßinger ist Schriftsteller und Bäcker. 1977 im fränkischen Waischenfeld geboren, lebt er in Leipzig, wo er seit vielen Jahren in der Literaturszene als Autor und Verleger bekannt ist. Immer wieder treibt es ihn durch die Welt, so etwa nach Tansania, Irland und Rumänien. Immer unterwegs ist er auf der Suche nach den dunklen, geheimnisvollen, zerrissenen Helden und ihren verborgenen Geschichten. Seine Reiseerlebnisse hat er in zahlreichen Büchern verarbeitet, zuletzt erschien „Robinsonaden vom 40. Breitengrad“ in der Edition Outbird.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 14. Februar | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune (Alaunstraße 36-40) | Tickets im Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

Zitat des Monats Januar

An der Supermarktkasse.

Sohn: „Darf ich mir noch was Süßes aussuchen?“

Mutter: „Nein, heute nicht.“

Sohn: „Ich bin aber der Willi! Ich will!“

2019 – die wahre Jahresvorschau

Januar

Der Fall des als Fälscher überführten Ex-SPIEGEL-Reporters Claas Relotius nimmt eine überraschende Wendung. Ein bislang unbekannter Nachwuchsjournalist mit dem Namen Claus Roletius will den untergetauchten Skandalautor in Irkutsk aufgespürt und exklusiv interviewt haben. In dem Gespräch habe Relotius gestanden, er sei in Wahrheit russischer Agent und im Rahmen einer Geheimoperation von Putin persönlich nach Deutschland kommandiert worden, um die deutschen Qualitätsmedien zu diskreditieren. Überall in Deutschland atmen die Menschen auf. „Gott sei Dank, dass es Putin war!“, äußert sich stellvertretend für viele die ehemalige Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel erleichtert. „Und ich dachte schon, wir müssten uns Gedanken über unsere eigene Leichtgläubigkeit machen.“

Februar

Mesut Özil bittet reumütig darum, wieder in die deutsche Fußballnationalmannschaft aufgenommen zu werden. Nach längerer Bedenkzeit gewährt der DFB die Rückkehr. Özil muss sich jedoch zuvor mit Jogi Löw, Mario Barth und Alexander Gauland fotografieren lassen sowie gemeinsam mit dem hessischen Schlagerduo Die Amigos die deutsche Nationalhymne einsingen – für eine Benefiz-CD zugunsten des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonskirche.

März

Wie geplant scheidet am 29. März das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union aus. Da das britische Parlament dem Trennungsabkommen nicht zugestimmt hat, erfolgt der Austritt ungeregelt. Anders als erwartet bleibt ein großes Chaos jedoch aus. Schwierigkeiten im Grenzverkehr sind nach wenigen Tagen gelöst, an den Börsen gehen die Kurse nach einem kurzen Einbruch wieder nach oben. Ein merkwürdiges Phänomen sorgt jedoch für Aufsehen: Tausende Franzosen, Holländer und Deutsche reisen auf eigene Faust nach Großbritannien. Sie lungern vor den Wohnungen von Einheimischen herum, sprechen Menschen auf den Straßen an, telefonieren mit völlig Fremden – alles, um die Briten zur Rückkehr zu überreden und ihnen zu versichern, in Zukunft werde alles anders und besser. Die Einheimischen wehren die Wiederannäherungsversuche jedoch ab, woraufhin es vereinzelt zu Gewalttaten enttäuschter Europäer kommt. Der Neologismus „Politstalking“ wird später zum Wort des Jahres 2019 gewählt.

April

Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt wechselt nach dem Ende ihrer politischen Laufbahn überraschend reibungslos in die Wirtschaft. Beim Tabakkonzern Philipp Morris wird sie zum Vorstandsmitglied für das Geschäftsfeld „Diversity Management“ berufen. Auf einer Pressekonferenz weist sie alle Vorwürfe, ihre Ideale verraten zu haben, entschieden zurück. „Um Fortschritt zu bewirken, muss man eben da tätig werden, wo er am dringendsten erforderlich ist“, so Göring-Eckardt. „Ich möchte dafür sorgen, dass mehr junge Frauen mit dem Rauchen anfangen, damit wir endlich auch bei den Tabakgenießern einen Frauenanteil von 50 Prozent erreichen!“ Im Anschluss verkündet Göring-Eckardt auch noch die betriebsbedingte Entlassung von 4500 Mitarbeitern. Bedauern sei aber überflüssig, es handle sich ausschließlich um alte, weiße Männer.

Mai

Die Bundesrepublik Deutschland feiert ihren 70. Geburtstag und Israel veranstaltet in Tel Aviv den European Song Contest. Xavier Naidoo erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Mannheim eingeliefert, wo er den Rest des Jahres verbringt. Auf Wunsch der anderen Patienten wird er zügig in ein schalldichtes Einzelzimmer verlegt.

Juni

Bei einem Sonderparteitag der Alternative für Deutschland entbrennt ein Machtkampf um die Nachfolge von Alexander Gauland, der wegen seines Fotos mit Mesut Özil von den Delegierten einstimmig als Parteivorsitzender abgewählt wird. Um die Nachfolge bewirbt sich als Vertreter des bürgerlich-liberalen Flügels der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke. Seine Gegnerin vom wertkonservativen Flügel ist die Gärtnerin Beate Zschäpe, die ihre Bewerbungsrede per Fernschaltung aus der Justizvollzugsanstalt Chemnitz hält. Hauptstreitpunkt: Während der gemäßigte Höcke die Ausländer nach der Machtergreifung alle erschießen möchte, besteht Zschäpe darauf, sie zunächst zu foltern und dann vierzuteilen. Mit ihrer Argumentation erringt Zschäpe nicht nur den Sieg auf dem Parteitag, sondern auch eine wöchentliche Kolumne bei FOCUS ONLINE.

Juli

Der bereits seit April anhaltende Dauerregen in Deutschland nimmt kein Ende. Schon jetzt gilt das Jahr 2019 als das niederschlagsreichste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zahlreiche Flüsse treten über ihre Ufer. An der Elbe ereignet sich ein Jahrtausendhochwasser, ganz Sachsen verwandelt sich in eine einzige Wasserfläche. Da die Bundesmarine über keine fahrtüchtigen Schiffe verfügt, eilen die privaten Seenotrettungsschiffe aus dem Mittelmeer zur Bergung der Einwohner herbei, unter ihnen auch die Lifeline unter Kapitän Claus-Peter Reisch. Doch die Mission trifft auf große Schwierigkeiten. Viele Sachsen weigern sich, die Dächer ihrer Häuser zu verlassen, weil sie das Hochwasser für eine Erfindung der Lügenpresse halten. Andere wollen nicht von Linksversifften gerettet werden. Von denen, die schließlich doch an Bord der Schiffe gehen, beschweren sich viele über das schlechte Essen, die harten Matratzen und das Fehlen von Biervorräten. Eine große Zahl von randalierenden Passagieren muss schließlich auf den Gipfeln des Erzgebirges ausgesetzt werden, wo sich die wütenden Sachsen im Laufe weniger Wochen gegenseitig verspeisen.

August

Für Aufsehen im Sommerloch sorgt eine internationale Konferenz auf Ibiza, bei der sich ein neues Staatenbündnis formieren will, um die NATO, die Europäische Union und die Vereinten Nationen überflüssig zu machen: die Liga der stolzen Arschlöcher. Gründungsteilnehmer sind Donald Trump, Jair Bolsonaro, Rodrigo Duterte, Victor Orbán und Boris Palmer. Die Konferenz scheitert jedoch bereits am ersten Tag, als über den Vorsitz verabredungsgemäß durch einen Schwanzvergleich entschieden werden soll, sich jedoch auf der ganzen Insel kein Elektronenmikroskop auftreiben lässt.

September

Obwohl Sachsen nach dem Jahrtausendhochwasser weitgehend entvölkert ist, finden verfassungsgemäß Landtagswahlen statt. Da sich alle Wutbürger auf den Gipfeln des Erzgebirges verzehrt haben, wählt die Restbevölkerung fast ausschließlich linke Parteien, die AfD erhält in ganz Sachsen keine einzige Stimme. Als erste Maßnahme beschließt der neue Landtag in Dresden ein weitreichendes Umvolkungsgesetz. Das leere Sachsen soll mit Zuwanderern aus Afrika wiederbesiedelt werden. Und tatsächlich ist Sachsen schon am Ende des Jahres das erste mehrheitlich schwarze Bundesland der Republik.

Oktober

Die Kommission der SPD zur Reform der Hartz-IV-Gesetzgebung stellt in Anwesenheit der Parteivorsitzenden Andrea Nahles ihr Ergebnis vor. Hartz IV soll nach den Vorschlägen der Kommission baldmöglichst in „Hartz-Plus-Smile“ umbenannt werden. Außerdem sollen Arbeitslose, die mies bezahlte Drecksjobs ablehnen, nicht mehr länger durch Kürzungen der Arbeitslosenhilfe bestraft, sondern durch verminderte Auszahlungen bis hin zur Nullausschüttung imperativ ermutigt werden, die angebotene Stelle doch anzunehmen. Entwürdigende Wohnungskontrollen sollen entfallen, die Wohnrauminspektion wird in Zukunft auf dem Wege der Amtshilfe vom Verfassungsschutz in Abwesenheit der Arbeitslosen vorgenommen. Arbeitslose sollen bald auch ohne Genehmigung in den Urlaub fahren dürfen, allerdings ausschließlich in den Harz. „Ich bin mit dem Ergebnis hochzufrieden!“, kommentiert Andrea Nahles den vorgestellten Plan. „Ich jedenfalls kann mit den vorgeschlagenen Regelungen absolut leben. Und ich sage das als jemand, der in Kürze ohne Zweifel selbst arbeitslos sein wird!“

November

Millionen Menschen beobachten am 11. November, einem sonnigen Herbsttag, den Merkurtransit, ein astronomisches Naturwunder, das nur 13- oder 14-mal in jedem Jahrhundert zu beobachten ist. Viele Firmen haben ihren Beschäftigten freigegeben, der Schulunterricht in ganz Europa fällt aus. „Es ist einfach unglaublich!“, so äußert die Fleischfachverkäuferin Kimberly Schmidt im Interview mit RTL aktuell. „Ein winziger schwarzer Punkt, der unendlich langsam vor einer großen gelben Scheibe vorbeizieht! Das sieht aus wie eine Fruchtfliege, die an einer Pampelmuse lutscht!“ Auf Grund unzureichender Schutzmaßnahmen erblinden während des Himmelsschauspiels allein in Deutschland mehr als zweitausend Menschen.

Dezember

Mit seinem satirischen Jahresrückblick in der ARD begeistert Dieter Nuhr am Ende des Jahres 2019 wieder einmal alle Deutschen mit Abitur und mittlerem Einkommen. Die Zuschauer klopfen sich vor Heiterkeit auf die Schenkel, während Nuhr referiert: „Nicht, dass ich missverstanden werde, Rassismus ist eine schlechte Sache, man darf es aber mit dem Multikulti auch nicht übertreiben. Nicht, dass ich missverstanden werde, Sexismus ist eine schlechte Sache, man darf es aber mit dem Feminismus auch nicht übertreiben. Nicht, dass ich missverstanden werde, die Erderwärmung ist eine schlechte Sache, man darf es aber mit dem Klimaschutz auch nicht übertreiben. Und überhaupt muss sich Arbeit endlich wieder lohnen, damit der Wohlstand in unserem schönen Deutschland erhalten bleibt!“ Äußerst verblüfft sind die Zuschauer, als Nuhr ihnen am Ende der Fernsehshow eröffnet, dass er gerade eine Stunde lang ausschließlich das Parteiprogramm der FDP zitiert hat. Das Publikum applaudiert im Stehen.

Michael Bittner

Donnerstag, 10. Januar: Unsere Lesebühne Sax Royal feiert ihren 14. Geburtstag!

Kaum zu glauben, aber wahr: Unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal feiert am Donnerstag, den 10. Januar, ihren 14. Geburtstag! Wir erlangen damit nunmehr offiziell Teenagerstatus, werden uns aber trotzdem nicht picklig, launisch und rollig präsentieren, sondern wie gewohnt heiter, schlagfertig und poetisch. Zum Jubiläum dürfen sich die Zuschauer nicht nur auf neue spaßige Geschichten, wilde Gedichte und beseelte Lieder von den Stammautoren Michael Bittner, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth freuen, sondern auch auf ein paar Klassiker aus den letzten vierzehn Jahren sowie allerlei besondere Überraschungen. Zur Feier des Tages haben wir uns außerdem auch noch einen unserer liebsten Kollegen eingeladen: André Herrmann.

André Herrmann ist in seiner Heimatstadt Leipzig Stammautor der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz und liest in Berlin bei der Lesebühne Fuchs & Söhne. Mit dem Team Totale Zerstörung hat er zweimal die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam gewonnen. Er schreibt Komisches auch fürs Fernsehen, so fürs „Neo Magazin Royal“ (ZDF) und „Olaf macht Mut“ (ARD). Seinem Erfolgsroman „Klassenkampf“ hat er inzwischen einen zweiten Teil mit dem Titel „Platzwechsel“ folgen lassen. Im Netz kann man ihn außerdem als fleißigen und politisch engagierten Blogger, Twitterer und YouTuber erleben.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 10. Januar | Donnerstag | 20 Uhr | Scheune (Alaunstraße 36-40) | Tickets im Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

Roman Israel wird Autor der Reformbühne Heim & Welt

Unser Stammautor Roman Israel hat nun auch eine Lesebühne in Berlin! Er wird neues Mitglied der Reformbühne Heim & Welt, die schon seit 24 Jahren existiert und damit zu den traditionsreichsten Leseformationen der Hauptstadt gehört. Regelmäßig liest er nun sonntags zusammen mit den großartigen Kollegen Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Heiko Werning und Jürgen Witte. Wie dem Sohn Sachsens die Hauptstadt zu Füßen liegt, kann man erstmals am Sonntag, den 6. Januar, erleben, wenn die Reformbühne zugleich Premiere an ihrem neuen Veranstaltungsort feiert, dem Roten Salon der Volksbühne!

Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

Liebe Freunde von Sax Royal! Wir danken euch für euren Besuch bei unseren Shows im Jahr 2018! Es hat, obwohl wir den Weggang unseres Weggefährten Julius Fischer verkraften mussten, großen Spaß gemacht, für euch zu lesen. Herzlich danken wir auch den umwerfenden Gästen dieses Jahres, Christian Kreis, Anselm Neft, Aidin Halimi, Tilman Birr, Franziska Wilhelm, Falk Töpfer, Ahne, Masha Potempa, Paul Bokowski und Udo Tiffert, sowie Axel Spickenheuer und dem ganzen Team der Scheune! Wir wünschen euch allen gesegnete Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Kommt am 10. Januar vorbei, um mit uns unseren 14. Geburtstag zu feiern! Und bringt eure Omas, Onkel, Enkel, Nachbarn, Liebhaber und Paketboten mit! Es gibt nicht nur wie immer neue Geschichten, Gedichte und Lieder, sondern auch ein paar Klassiker und diverse Überraschungen sowie den Stargast André Herrmann aus Leipzig. Tickets gibt’s schon im Vorverkauf.

Zitat des Monats Dezember

Die ganze Geschichte des gesellschaftlichen Fortschritts war eine Folge von Übergängen, durch die eine Sitte oder Institution nach der anderen, die man für unverzichtbare Bedingungen des Zusammenlebens gehalten hatte, in den Rang von allgemein geächteter Ungerechtigkeit und Unterdrückung sanken. So geschah es mit den Unterscheidungen von Sklaven und Freien, Adligen und Leibeigenen, Patriziern und Plebejern; und so wird es, und ist es teilweise schon, geschehen mit den Aristokratien von Farbe, Rasse und Geschlecht.

ein alter, weißer Mann im Jahr 1861

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