Die Gründe der Nichtwähler

Gelegentlich bemerkt ein sehr schlauer Mensch, dass die Wahlergebnisse, die regelmäßig verkündet werden, gar nicht korrekt sind: In den Balken- und Tortendiagrammen fehlen nämlich die Nichtwähler, die doch eine große Fraktion, ja oft die größte bilden! Diese originelle Einsicht wird sodann verschieden instrumentalisiert: Protestparteien verbuchen die Nichtwähler zumeist als eigene, indem sie behaupten, diese zornigen Verweigerer stünden eigentlich auf ihrer Seite, hätten sich nur leider noch nicht aufraffen können, auch in diesem Sinne abzustimmen. Die Gegner der Populisten neigen hingegen dazu, die Nichtwähler als enttäuschte oder träge Demokraten anzusprechen, die man zurückgewinnen oder aufrütteln müsse, um den Radikalismus zu schwächen. Beiden Sichtweisen liegt offenkundig derselbe Irrtum zugrunde: Alle gehen davon aus, die Nichtwähler wären eine homogene Gruppe. Tatsächlich sind die Gründe dafür, warum Menschen nicht zur Wahl gehen, sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich vernünftig. Im Folgenden möchte ich die gängigsten Erklärungen von Nichtwählern prüfen:

„Mich interessiert Politik nicht. Es ist mir egal, wer da regiert. Mit meinem Leben hat das nichts zu tun.“

Diese Einstellung ist nachvollziehbar und konsequent. Wem es gleichgültig ist, wer regiert, der hat auch keinen vernünftigen Grund, zur Wahl zu gehen. Man vergisst oft, dass – repräsentativen Umfragen zufolge – nur ungefähr die Hälfte der Bürger sich überhaupt für Politik interessiert, die andere Hälfte aber gar nicht. Insofern ist es eher erstaunlich, dass bei bundesweiten Wahlen zumeist doch mehr als 70 Prozent der Bürger teilnehmen. Wer auch den Rest der unpolitischen Menschen mit dem Argument überzeugen will, jeder werde doch von politischen Entscheidungen betroffen, der hat einen schweren Stand. Tatsächlich beeinflusst Politik in demokratischen Staaten nur in Zeiten von Krise und Krieg das Leben der meisten in einer existenziellen Weise. In normalen Zeiten kann man durchaus unpolitisch leben – darf sich dann aber konsequenterweise auch nicht beschweren. Man ist dann streng genommen kein Bürger, sondern ein Untertan, aber es gibt auch glückliche Untertanen.

„Man weiß doch gar nicht, wofür man eigentlich stimmt. Die Parteien machen doch eh, was sie wollen. Sie versprechen vor der Wahl das eine und tun dann das Gegenteil.“

Dieses Argument ist teilweise berechtigt, wie schon ein flüchtiger Blick auf die jüngere Vergangenheit zeigt: Man stimmt für Rot-Grün, weil einem soziale Gerechtigkeit und Frieden versprochen wurden, bekommt dann aber Hartz-IV und Kriegseinsatz in Jugoslawien. Man stimmt für Schwarz-Gelb und erhält überraschend Atomausstieg und Abschaffung der Wehrpflicht. Wer die Ursache für diese Diskrepanz zwischen Wahlversprechen und Regierungshandeln in der Charakterschwäche der Politiker sucht, macht es sich allerdings etwas zu leicht. Hier sind einfach zwei verschiedene Tätigkeiten gegeben: Vor der Wahl kämpft der Politiker um Zustimmung, nach der Wahl muss er unter dem Einfluss von sachlichen Zwängen das Mögliche tun. Wird die Diskrepanz zu groß, geht allerdings die Legitimität der Politik überhaupt flöten. Es ist durchaus vernünftig, Regierungspolitiker für gebrochene Wahlversprechen zu bestrafen. Allerdings kann man dies besser als durch Wahlenthaltung durch die Wahl oppositioneller Parteien tun. An der grundsätzlichen, unaufhebbaren Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität ändert Nichtwählen auch nichts.

„Die Entscheidungen werden doch sowieso von den Wirtschaftsbossen getroffen, Politiker sind nur Befehlsempfänger.“

Auch diese Einstellung entbehrt nicht der Grundlage. In der Tat gibt es eine beträchtliche Macht, die nicht vom Volke, sondern vom Gelde ausgeht. Denn Reiche und Unternehmer können durch direkte Bestechung oder legalen Lobbyismus weit größeren Einfluss auf die Politik ausüben als Normalbürger. Allerdings ist dieser Einfluss auch nicht unbegrenzt. Unpopuläre Maßnahmen lassen sich nicht dauerhaft gegen den Willen der Mehrheit durchdrücken, solange das allgemeine, gleiche Wahlrecht besteht. Es gibt Beispiele wie den Mindestlohn, die belegen, dass politische Entscheidungen auch gegen den Willen der Kapitalisten durchgesetzt werden können. Der Weg, auf dem sich dies erreichen lässt, ist aber gerade der politische. Darum ist es absurd, aus Protest gegen den politischen Einfluss der Ökonomie auf das Wählen zu verzichten.

„Jede Stimme für irgendeine Partei stützt doch bloß das Schweinesystem, das aber gestürzt werden muss, damit eine wahre Demokratie möglich wird.“

Wir leben nicht in revolutionären Zeiten und es gibt keine revolutionäre Partei, die mit der Vision einer ganz anderen, besseren Gesellschaft die Massen begeistert. Wenn sich unter diesen Umständen ein Häuflein Systemkritiker in Wahlenthaltung übt, juckt dies das System nicht im Geringsten. Wer aber der Meinung ist, jede politische Aktion, die nicht in absehbarer Zeit die Weltrevolution herbeiführt, sei sinnlos, der unterscheidet sich kaum von einem politischen Romantiker.

„Die Parteien sind doch alle gleich.“

Dies ist Unsinn. Politiker sind allenfalls darin gleich, dass sie eben alle Politiker sind und den Zwängen und Versuchungen unterliegen, die mit dieser Rolle unvermeidlich verbunden sind. Was den Inhalt angeht, ist aber auf dem Wahlzettel das gesamte politische Spektrum vom Nationalsozialismus bis zum Marxismus-Leninismus durch Parteien vertreten; es gibt Konservative, Liberale und Sozialisten in den verschiedensten Spielarten. Wer in diesem Angebot nichts findet, der weiß einfach nicht, was er politisch will.

„Aber es gibt doch keine Partei, die genau zu mir passt und die meine Überzeugungen vertritt. An allen stört mich etwas.“

Wer einmal die Leserbriefseiten oder die Kommentarspalten von politischen Medien studiert hat, dem müssen ernste Zweifel kommen, ob die Leute politisch wirklich so individuell sind, wie sie gerne alle behaupten. Die meisten politischen Diskussionen wiederkäuen die immer gleichen Gemeinplätze. Die Behauptung, jeder Bürger bräuchte eigentlich eine eigene, persönliche Partei, um sich ganz repräsentiert zu fühlen, ist vielleicht die schlimmste Phrase von allen. Wie auch immer dem nun sein mag: Dass jede Gemeinschaft von Menschen dem Einzelnen nur annähernd gerecht werden kann, ist eine Selbstverständlichkeit. Wer seine Skrupel nicht überwinden kann, eine Partei zu wählen, mit der er nur überwiegend, aber nicht ganz übereinstimmt, der muss zuhause bleiben. Es entscheiden dann eben allein die Entscheidungsfreudigeren.

„Meine einzelne Stimme ist doch bedeutungslos und hat keinen messbaren Einfluss.“

Dieses Argument ist nicht nur unvernünftig, sondern sogar anmaßend. Deine Stimme hat genau den Einfluss, der dir zusteht. Du bist einer von Millionen und eben deswegen auch nur als Millionstel an der Entscheidung beteiligt. Wem das zuwenig ist, der fordert gleichsam: Ich mache in der Politik mit, aber erst, wenn meine Stimme mehr zählt als die der anderen! Wer sich für schlauer als die anderen hält, der kann ja für ein politisches Amt kandidieren und den eigenen Machtanspruch dem Urteil der Mitbürger vorlegen.

„Ich würde ja gerne wählen, aber ich kenne mich mit der Politik echt zu wenig aus. Das ist mir alles zu kompliziert!“

Das politische Geschehen ist durchaus komplex, aber doch auch nicht so undurchsichtig, als dass nicht jemand mit Allgemeinwissen und gesundem Menschenverstand sich eine begründete Meinung bilden könnte. Es mag sein, dass es ein paar Leute gibt, die selbst dafür zu dumm sind. Wer aber einen Satz wie den obigen äußert, der kann nicht ganz dumm sein, denn Einsicht in die eigene Unwissenheit erfordert schon ein gewisses Maß an Klugheit. Die Dummen wissen nichts von ihrer Dummheit (und gehen vielleicht ganz unbeschwert wählen). Menschen, die sich selbst für zu unwissend halten, fehlt es also nicht an Hirn, sondern an Fleiß. Ihr Problem ist nicht die Dummheit, sondern die Faulheit. Sie haben keine Lust, ein bisschen Kraft in die eigene politische Bildung zu investieren, mal eine Zeitung durchzulesen oder beim Wahl-O-Mat ein paar Knöpfchen zu drücken. Bei einigen Menschen ist diese Faulheit wohl wirklich unüberwindlich, ein Argument gegen das Wählen ist sie aber nicht.

„Wählen ist mir zu anstrengend. Da hab ich am Sonntag gar keine Zeit für.“

Dieses Argument ist auch nicht überzeugend. Gewöhnlich nimmt der Wahlakt kaum mehr Zeit in Anspruch als der Erwerb einer Schachtel Zigaretten. Wählen ist dazu noch gesünder als Rauchen. Und es kann sogar Spaß machen, wenn man die bürgerliche Pflichterfüllung mit einem gediegenen Umtrunk mit Freunden verbindet.

Michael Bittner

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne am Donnerstag (14.9.) zurück aus der Sommerpause!

Mit frischem Elan und brandneuen Geschichten, Gedichten und Liedern kehrt am 14. September unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal in die Scheune zurück und macht der tödlich öden Sommerpause ein Ende. Wie gewohnt immer am zweiten Donnerstag des Monats sorgen die Royalisten von nun an wieder für gute Laune und Proteststürme in Dresden. Die fünf Stammautoren Michael Bittner, Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth haben die freie Zeit genutzt, um mit offenen Augen durch die Welt zu reisen. Wie immer zum Auftakt einer neuen Saison werden sie nicht zuletzt von ihren schönsten Ferienerlebnissen erzählen. Aber auch auf Bemerkungen zur Weltlage, heitere Lieder und allerlei andere Späße darf sich das Publikum freuen.

Wer sind die fünf Schriftsteller? Michael Bittner lebt als freier Autor in Berlin, seine Kolumnen und Satiren erscheinen in der Sächsischen Zeitung und der taz. Der Leipziger Liedermacher und Storyteller Julius Fischer hat nicht nur mit seiner Band „The Fuck Hornisschen Orchestra“, sondern auch durch seine Fernsehshows „Comedy mit Karsten“ und „Olaf macht Mut“ viele Fans erobert. Roman Israel, zur Zeit als fahrender Poet ohne festen Wohnsitz unterwegs, bereichert die Lesebühne durch Gedichte ebenso wie durch Erzählungen. Das Erzgebirge hat als würdigen Vertreter Max Rademann entsandt. Seine Geschichten und Lieder sind aber mehr als Folklore, sondern haben philosophischen Witz. Stefan Seyfarth schließlich ist der einzige Mensch auf der Welt, der zugleich Diplom-Forstwissenschaftler, Erzieher und Rap-Poet ist. Seine Lyrik kommt straight outta Striesen.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne | 14. September | 20 Uhr | Scheune | Vorverkauf: 5 Euro zzgl. Gebühr, Abendkasse: 5/7 Euro

Video-Trailer von Rudelrotte, Musik Max Rademann

„Max Rademann Show“ in Leipzig – Premiere am 4. Oktober

Dresden allein ist für unseren Max Rademann längst zu klein, das wussten wir schon lange. Endlich bekommt er nun auch seine eigene Show in der sächsischen Schwesterstadt Leipzig. Und die heißt „Max Rademann Show“. Ab sofort wird Max einmal monatlich im Werk 2 den Bewohnern der Messestadt den Montagabend mit einem erstklassigen Unterhaltungsprogramm versüßen und jede Form der Tristesse gleich zum Wochenanfang aus ihrem Leben verbannen. Zur Premiere am 4. Oktober hat er sich zwei Gäste eingeladen: den Kollegen Michael Bittner von unserer Lesebühne sowie die großartige Berliner Schriftstellerin Kirsten Fuchs. Kirsten liest in Berlin regelmäßig bei der Lesebühne Fuchs & Söhne, schreibt als Kolumnistin u.a. für die Zeitschrift Das Magazin und verfasst erfolgreiche Romane. Zuletzt erschien ihr Jugendroman Mädchenmeute. Der Spaß beginnt um 21 Uhr, Tickets kann man auch im Vorverkauf schon erwerben.

Zitat des Monats August

„Wer mit Dreck balgt, geht besudelt davon, mag er nun gewinnen oder nicht.“ (Luther) – Der Feind kreist verkrallt mit seinem Feinde um ein Schwerkraftloch: Der Pazifist wird militant, die Feministin sittenstreng, der Tierschützer fletscht die Zähne. Der Antichrist fängt an zu eifern, der Atheist zu bekehren. Die Multikulturisten feinden die Touristen an. Der Antirassist sieht nur noch Rassen. Der Deutschlandniewieder bleibt ewig deutsch. Der Aussteiger steigt auf die Scholle. Der Freischärler wird Blockwart. Die Rechte färbt die Linke. – Und alles auch umgekehrt.

Thomas Kapielski: Leuchten. A- und So-phorismen

Dienstag, 22. August: Unsere Lesebühne Sax Royal zu Gast im Deutschen Hygiene-Museum

Wie schon in den letzten Jahren gastiert unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal auch in diesem Sommer mit einem besonderen Auftritt im Deutschen Hygiene-Museum. Am Dienstag, den 22. August, präsentieren die fünf Stammautoren Michael Bittner, Julius Fischer, Roman Israel, Max Rademann und Stefan Seyfarth ein literarisch-musikalisches Programm unter dem Titel „Gesichter“, passend zur laufenden Sonderausstellung „Das Gesicht. Eine Spurensuche“. In Geschichten, Gedichten und Liedern zwischen Tiefsinn und Hochkomik erzählen wir von Gesichtern, die unser Leben veränderten, den Unebenheiten unserer eigenen Visagen und dem Antlitz der Zeit.

Unsere Dresdner Lesebühne Sax Royal begeistert seit mehr als 12 Jahren in der Scheune allmonatlich das Publikum. Heitere Texte über den Wahnsinn des Alltags gehören ebenso zu unserem Programm wie satirische Angriffe auf die Weltordnung und lyrische Eskapaden. Humoristischer Ausbruch und intellektueller Anspruch schließen sich dabei nicht aus, sondern finden zueinander wie die Faust und das Auge. Mit dabei sind der Kolumnist und Satiriker Michael Bittner, der Star der MDR-Show „Comedy mit Karsten“ Julius Fischer, der Romancier und Lyriker Roman Israel, der Erzgebirgschronist und Neustadtschwärmer Max Rademann und der dichtende Erzieher Stefan Seyfarth.

Sax Royal – die Dresdner Lesebühne – Gastspiel „Gesichter“ im Deutschen Hygiene-Museum | 22. August | Dienstag | 20 Uhr | Deutsches Hygiene-Museum | Karten gibt es am Einlass für 7 Euro, ermäßigt und für Jahreskarteninhaber nur 3 Euro

Die Schwarzhemden von Themar

Der Staat, so hört man derzeit oft, dürfe keine rechtsfreien Räume dulden. Ganz gut dulden kann er aber Räume voller Rechter. Solches Gelände muss nicht wie andernorts von der Polizei mit aller Gewalt gestürmt und geräumt werden, es reicht vielmehr, wenn es schützend gesäumt und mit dem Rücken zum Geschehen überwacht wird. So geschieht es seit Neuestem in dem Dörfchen Themar in Thüringen, wo sich Menschen aus dem ganzen Vaterland zu politischen Demonstrationen mit musikalischer Begleitung versammeln. „Rock gegen Überfremdung“, nennt sich das oder auch „Rock für Identität“. Die Demonstrationsfreude der Gäste ist so groß, dass sie sogar Eintritt zahlen, um sich zeigen zu dürfen. Es ist fast so, als handelte es sich einfach um kommerzielle Veranstaltungen, die sich als politische Versammlungen nur tarnen – wie einst die Love Parade, nur mit etwas weniger Liebe.

„So sieht deutscher Nationalstolz aus!“, meinte Egbert Ermer, Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, nach dem ersten Treffen von Themar. Er lobte in einer Rede, wie friedlich und ordentlich das Ganze abgelaufen sei, ohne jeden Konflikt mit den anwesenden Ordnungshütern. Die linke Lügenpresse will hingegen Nazis erkennen beim Blick auf die Bilder, die während der Veranstaltungen angefertigt wurden. Fotografien zeigen tatsächlich aber bloß fröhliche Männer. Zugegebenermaßen erklärungsbedürftig ist allenfalls die fantasievolle Gestaltung der Hemden, die sie trugen. Bei den Besuchern, die sich durch ihre Kleidung als Mitglieder der „Arischen Bruderschaft“ kenntlich machten, handelte es sich aber gewiss nur um eingeschworene Freunde der indogermanischen Sprachfamilie. Ein anderer Gast wurde im Internet dafür kritisiert, dass er auf seinem Hemd seine Liebe zu „HTLR“ bekannte – aber ist es denn jetzt schon verwerflich, Zuneigung zu den deutschen Buchstaben H, T, L und R zu empfinden? Zumal diese ja ausdrücklich als Abkürzungen für „Heimat“, „Treue“, „Loyalität“ und „Respekt“ erklärt waren! Ein weiterer besorgter Bürger wurde als Nazi verunglimpft, weil auf seinem Hemd „N.A.Z.I.“ stand – auch hier eine ganz unverfängliche Kurzform für „natürlich anständig zuverlässig intelligent“. Wer könnte gegen diese löblichen Tugenden etwas einwenden? Doch nur ein wahrer Schuft! Einen Skandal will man schließlich auch daraus machen, dass im Konzertzelt, als die Polizei konzentriert weghörte, ein wenig Armgymnastik betrieben und ein Sprechchor angestimmt wurde, der die Worte „Sieg“ und „Heil“ enthielt. Aber was ist denn an einem Sieg, was ist am Heil zu beanstanden? Wären denn Unheil und Niederlage besser?

Man muss einräumen, dass sich unter den Konzertbesuchern auch Menschen befinden, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Politik äußern. Die Zeile „Gegen die Regierung mit allen Mitteln zu kämpfen ist ja ein Grundrecht und Sport jedes Deutschen“ etwa weist in diese Richtung. Ein anderer Besucher sah sich gar „Im Kampf gegen ein Scheiss-System“. Aber hier zeigt sich doch nur ein lebendiger demokratischer Geist, den man begrüßen muss. Politikverdrossenheit oder mangelndes Engagement für ihre Sache kann man diesen Bürgern jedenfalls nicht vorwerfen. Vielleicht geht aus dem Thüringischen Fest sogar eine neue Partei hervor. Ein Gast wenigstens regte dies an durch ein Hemd mit der Aufschrift „Bündnis 88 – die Braunen“. Überhaupt war Braun eine beherrschende Farbe in Themar, was einer der Besucher mit dem erfrischenden Bekenntnis „Bin ich zu braun, bist du zu bunt!“ unterstrich. Noch häufiger sah man allerdings Schwarz. Es wirkt fast, als wollten die Rechten einen eigenen Schwarzen Block präsentieren, allerdings keinen linkschaotischen, sondern einen stramm organisierten. Sie wissen eben, dass in Deutschland jedes Verhalten verziehen wird, solange es nur diszipliniert zugeht.

Nach Halt suchen die von der Gegenwart angewiderten Männer in der guten alten Zeit. „Früher war alles besser“, ließ ein Gast sein Hemd verlauten. Wer würde dem nicht zustimmen! Sicherlich seinen verstorbenen Großvater ehren wollte einer, der den Satz „Adolf war der Beste“ spazieren trug. Ein anderer pries das „Jubeljahr 1933“, womit er auf die Verkündigung eines Jubeljahres durch Papst Pius XI. am 6. Januar 1933 anspielte. Überhaupt wollen die Leute verständlicherweise die Leistungen ihrer Vorfahren in gutem Andenken bewahren: „Ruhm und Ehre dem deutschen Soldat“, diese Worte prangten auf einer Flagge. Der deutsche Soldat bleibt somit in Erinnerung, der deutsche Dativ leider nicht. Aus dem Stolz auf die Geschichte ziehen die Versammelten erfreulicherweise aber auch Hoffnung für die Zukunft. Dies zumindest verheißt ein weiterer textiler Sinnspruch: „Vizeweltmeister 1945 – wir kommen wieder“. Würde dieses Versprechen wahr, käme auf die Welt ein Sommermärchen ganz besonderer Art zu. In Themar hat diese ganz eigentümliche deutsche Mannschaft jedenfalls von nun an beste Trainingsbedingungen, um sich auf ihr Comeback vorzubereiten.

Michael Bittner

Zitat des Monats Juli

Und [der Prophet Elisa] ging hinauf nach Bethel. Und als er den Weg hinanging, kamen kleine Knaben zur Stadt heraus und verspotteten ihn und sprachen zu ihm: Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf! Und er wandte sich um, und als er sie sah, verfluchte er sie im Namen des HERRN. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen zweiundvierzig von den Kindern. Von da ging er auf den Berg Karmel und kehrte von da nach Samaria zurück.

2. Könige 2,23-25

Zitat des Monats Juni

Wenn Jeremy Corbyn zum Parteichef gewählt wird, dann werden wir bei der nächsten Wahl keine Schlappe wie 1983 oder 2015 erleben, sondern eine vernichtende Niederlage, möglicherweise die Auslöschung.
Tony Blair über die Zukunft der Labour Party, 13. August 2015, The Guardian

Impressionen aus Portugal

Der erste Blick, nachdem wir aus dem Schacht der U-Bahn gestiegen sind, die uns vom Flughafen ins Zentrum von Lissabon gebracht hat, fällt auf ein Wahlplakat: Die portugiesische CDU wirbt mit Hammer und Sichel für den Sieg der Arbeitermacht. Sogleich hat man das Gefühl, dass in Portugal einiges anders, ja womöglich gar besser läuft.

Aus dem Fenster unseres Hotels sehen wir die Wipfel der exotischen Bäume des Botanischen Gartens. Durch die Luft jagen Mauersegler, sie wohnen vielleicht unter dem halb eingestürzten Ziegeldach des Hauses gegenüber. Es ist dreißig Grad heiß, aber der Meereswind macht die Temperatur erträglich. Wir steigen schmale Gassen hinauf ins Viertel Bairo Alto. An den Straßenrändern stehen Bäume, die violette Blüten aufs Pflaster regnen lassen. Überall riecht es nach gegrilltem Fisch. Neben Portugiesen hört man auch Spanier, Italiener, Briten, Franzosen, Holländer und Deutsche. Fast ganz Europa scheint hier vereinigt umherzustreifen, vor den Lokalen zu sitzen und Bier zu trinken – natürlich schon des Namens wegen das der einheimischen Spitzenmarke Superbock. Wir laufen zu einer Aussichtsterrasse, die einen Blick über die ganze Stadt eröffnet. In gelbem Licht sieht man das Kastell auf einem der gegenüberliegenden Hügel. Im Süden schaut man bis zum Tejo, dem Fluss, der hier kurz vor der Mündung schon wie ein Meeresarm wirkt.

Am Tage muss man beim Spazierengehen die Augen schon fest geschlossen halten, um nicht auch die Spuren der Krise zu sehen: geschlossene Geschäfte, halb verfallene Häuser, Obdachlose, die an den Tischen der Restaurants Touristen um Geld und Zigaretten anbetteln. Spricht man aber mit gewöhnlichen Portugiesen, spürt man weder Wut noch gar Feindseligkeit gegen Fremde. Man denkt mit ein wenig Scham an die Heimat, wo es satten Wohlstandsbürgern gelingt, sich in einen Wutrausch hineinzusteigern, als stünden sie vorm baldigen Hungertod. Die Portugiesen zeichnen sich dagegen überhaupt durch eine große Gelassenheit und Geduld aus. Nirgendwo wird gedrängelt, an der Bushaltestelle achtet jeder darauf, dass alle in der Reihenfolge einsteigen, in der sie angekommen waren. Auch in den Zügen, mit denen wir durchs Land fahren, herrscht eine eigentümlich entspannte Stimmung. Und man erinnert sich mit Grausen an den Kampf ums Dasein, der zuhause in den Zügen tobt.

Fährt man in ein fremdes Land, will man natürlich auch ein Buch aus der unbekannten Kultur lesen. Nicht immer helfen einem dabei die Empfehlungen des gängigen Kanons, die richtige Auswahl zu treffen. Fernando Pessoas Buch der Unruhe jedenfalls erschöpft den Leser trotz sprachlicher Feinheit schon nach kurzer Zeit. 500 Seiten darüber, dass alles sinnlos ist, zwanghafte Selbstbespiegelungen eines lebensunfähigen Snobs und ästhetisierenden Nihilisten – als hätte Nietzsche unter dem Einfluss von starken Schlafmitteln geschrieben. Die Müdigkeit immerhin überträgt sich unmittelbar auf den Leser. Von Unruhe keine Spur.

Zufällig geraten wir eines Abends im Restaurant an einen Tisch mit einem älteren amerikanischen Ehepaar. Die Unterhaltung gestaltet sich schwierig, da die Frau schwerhörig ist und ihr Mann alles, was wir sagen, noch einmal laut nachsprechen muss. Die beiden kommen aus Virginia und sind mit der Familie ihrer Tochter auf einer Reise durch Europa. Immer wieder ermahnt die Frau ihren Mann, einen pensionierten Handchirurgen, bloß nicht über Politik zu sprechen. Aber es brodelt zu stark in ihm. Er fragt, ob es denn wahr sei, dass Angela Merkel mit ihrer Energiewende Deutschland zu Grunde richte. Ich stimme nicht uneingeschränkt zu. Die Frau verdreht die Augen. „Sie müssen wissen, ich bin eigentlich liberal und mein Mann ist ziemlich konservativ. Ich finde diesen ganzen Hass, der gerade unser Land spaltet, wirklich furchtbar. Bei ihnen in Deutschland ist es friedlicher, oder?“ – „Ganz so polarisiert geht es bei uns wohl nicht zu“, sage ich. Der Mann schnauft: „Bei uns wäre auch alles in Ordnung, wenn wir nur diese ganzen verdammten Liberalen loswerden könnten!“ – „Wenn die Leute nur trotz ihrer politischen Überzeugung als Menschen miteinander auskämen!“, jammert die Frau. „Aber Sie beide kommen doch auch miteinander aus – warum schafft Amerika das dann nicht?“, werfe ich ein und die beiden sind ein bisschen verblüfft.

Überall in Portugal drückt sich im öffentlichen Leben ein tiefes Bedürfnis nach Schönheit aus. Kaum ein U-Bahnhof, der nicht durch Kunstwerke geschmückt wäre. An öffentlichen Gebäuden sind Gedichtverse angebracht. Das Pflaster von Straßen und Plätzen bildet Mosaike mit Bildern von Pflanzen und Tieren. Dem Genuss für die Augen entspricht der für den Gaumen. Überall finden sich kleine Lokale, in denen man Süßigkeiten kaufen kann, die so appetitliche Namen wie „Nonnenbrüstchen“ tragen. Dem Mitteleuropäer bleibt es gewöhnlich unverständlich, wieso Südländer in Cafés einkehren, nur um dort drei Worte mit dem Besitzer zu wechseln und einen Kaffee zu trinken, nicht größer als ein Fingerhut. Aber die Menschen im Süden wissen eben, dass das echte Glück im Augenblick zu finden ist.

In Coimbra erwartet uns nach einem schweißtreibenden Marsch vom Bahnhof zum Quartier eine Überraschung: Unsere Pension stellt sich als Zimmer in der Privatwohnung zweier portugiesischer Eheleute heraus. Nicht nur sie begrüßen uns euphorisch, auch ihr schwarzer Pudel Floppi springt begeistert an uns auf und ab. Die Hausherrin zeigt uns in der Küche das Geschirr, das wir verwenden dürfen und das Fach im Kühlschrank, das für unsere Lebensmittel reserviert ist. Längst verloren geglaubte Wohngemeinschaftsgefühle erwachen wieder zum Leben. Als wir die Wohnung zur Erkundung der Stadt verlassen wollen, hält uns der Hausherr auf. Er zeichnet in unseren Stadtplan die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ein und erläutert sie uns weitläufig. Wir scharren schon mit den Füßen, da fällt ihm beim achten Punkt der Legende ein, dass unser Stadtplan nichts taugt. Er zeichnet uns eigenhändig auf einen Zettel einen neuen, unsere Signale der Ungeduld souverän ignorierend. Ist der Mann vielleicht ein bisschen verrückt? Dafür scheint die Tatsache zu sprechen, dass er eine Brille benutzt, die nur noch über einen Bügel verfügt.

Am übernächsten Tag, als wir abends von einem Ausflug an die Atlantikküste zurückkehren, führen wir mit dem Hausherrn dann aber doch ein recht vernünftiges Gespräch vor dem Café im Erdgeschoss. Er erzählt uns von den Erschütterungen der Krise, die viele Leute in die Armut getrieben hat. „Geht mal in ein Kaufhaus“, sagt er. „Ihr werdet viele Leute da herumlaufen sehen, aber keiner hat volle Einkaufstüten dabei.“ Besonders unter jungen Leuten herrsche Verzweiflung, erzählt er weiter, weil es nirgends Arbeit gebe. Deswegen verließen auch viele das Land. Eigentlich sei das aber nichts Neues, denn schon immer hätten Portugiesen ihr Land auf der Suche nach Arbeit verlassen müssen. Deswegen gebe es auch Millionen Portugiesen auf der ganzen Welt. „Die Portugiesen sind im Grunde gute Leute“, versichert er uns und wir glauben es gern. Einzig, dass Pudel Floppi während des Gesprächs sein Bein an meinem Rucksack hebt, verstimmt mich gelinde.

Die Stadt Porto trägt ihren Hafen schon im Namen und das ganze Land verdankt seinen Namen eben dieser Stadt. Hier geht es anders, in jeder Hinsicht geschäftiger zu als in Lissabon. Unten am Fluss, dem Douro, tummeln sich die Touristen auch in der Nebensaison schon in unangenehmer Häufung. Hört man die ersten Sprechchöre einer deutschen Saufgruppe, flüchtet man, weil man lieber gar nicht erst verstehen möchte, was da wieder von Landsmännern gebrüllt wird. Die Altstadt liegt auf einem großen Hügel am nördlichen Ufer des Flusses. In den kleinen Gassen des Vergnügungsviertels stehen Studenten rauchend vor düsteren Kneipen. Aber auch in Porto kann man Ruhe finden. Nach einem Ausflug zum Stadtpark, der direkt an den Atlantik grenzt, steht meine neueste Überzeugung fest: Städte, in denen man nicht zu Fuß zum Meer laufen kann, sollten überhaupt abgeschafft werden.

Vielleicht ist ja Portugal die Avantgarde des alten Europa. Vielleicht wird einst der ganze Kontinent, wenn noch die letzte Industrie nach Asien abgewandert ist, nur noch von seiner Geschichte leben und mit Hilfe seiner verblassenden Schönheit sein Dasein fristen, bescheiden, aber nicht unglücklich. Wenn Europa ein solches Museum der Zivilisation werden sollte, in dem neugierige Chinesen sich anschauen, wie Menschen früher gelebt haben, dann brauchen Städte allerdings vor allem Schönheit und Gastfreundlichkeit. Für Lissabon sieht es da gut aus, für andere Städte weniger. Womöglich werden einst doch noch die Letzten die Ersten sein.

Michael Bittner

Gescheiterte Integration. Über die „Deutsche Stilkunst“ von Eduard Engel

Vor einem Weilchen las ich die lange verschollene, jüngst wieder erschienene Deutsche Stilkunst von Eduard Engel. Der Literaturhistoriker und Reichstagsstenograf hatte mit seinem Buch einst großen Erfolg; im Jahr 1931 erschien es in der 31. Auflage. Allen Liebhabern der deutschen Sprache kann ich das Werk nur wärmstens empfehlen. Engel, ein mit den europäischen Literaturen vertrauter Schriftsteller, lehrt in seinem „Lebensbuch“ auf unterhaltsame Weise die Grundzüge eines guten Prosastils.

Engel war ein Anhänger des klassischen Stilideals, nach dem sprachliche Schönheit einzig in der Zweckmäßigkeit besteht:

Es gibt keinen guten Stil an sich, es gibt nur einen zweckmäßigen und einen zweckwidrigen Stil; jener ist der gute Stil, dieser der schlechte.

Die sogenannte „schöne Sprache“, die man oft an einem sonst wertlosen Schreiber rühmen hört, ist verdächtig: es gibt für den guten Stil keine bloß schöne Sprache, es gibt nur eine vollkommen angemessene Sprache.

Sehr ausführlich, dabei aber nie langatmig erläutert Engel die einzelnen Voraussetzungen für einen zweckmäßigen Gebrauch der Sprache. Es sind für ihn die Verständlichkeit, die Klarheit, die Kürze, die Ordnung, vor allem aber die Wahrhaftigkeit:

Die unverzeihliche Todsünde des Stils, die Sünde gegen den heiligen Geist in der Menschenrede ist die Unwahrheit.

Engels wichtigste Vorbilder waren Lessing, Goethe, Schopenhauer und auch Börne. Nichts anfangen konnte er dagegen verständlicherweise mit den Schriftstellern der Romantik und mit den Avantgardisten seiner Zeit. Sie alle missachteten zu sehr Engels Grundregel, auch die geschriebene Sprache habe sich grundsätzlich die einfache, gesprochene „Menschenrede“ zum Vorbild zu nehmen.

Besonders erheiternd sind die Beispiele, die Engel aus seiner reichen Sammlung von Stilblüten gibt. Neben Journalisten und Wissenschaftlern müssen auch einige bekannte Schriftsteller Tadel erdulden. Zu Engels Lieblingsfeinden zählten die „Stilgecken“ Alfred Kerr und Maximilian Harden mit ihrer erkünstelten Originalität sowie der „Stilschluderer“ Gerhart Hauptmann. Als kleine Leseprobe hier eine heitere Stelle über diesen Dichter:

Besonders platt, in tiefsinnig tuender Aufplusterung, wird er jedesmal, wo er von einer Zeitung um einen geistreichen Ausspruch ersucht wird; dann vernehmen wir Weisheitssprüche wie diesen: Irrtümer, durch Überzeugung und Mehrheit getragen, werden nur stärker in ihrer Wesenheit [!] als Irrtümer, entfernen sich dadurch aber um so mehr von der Wahrheit. Man kann sicher sein: wo immer man bei Hauptmann auf so etwas wie einen Gedanken stößt, da ist er nicht von Hauptmann.

Man sieht: In seinem Geschmack ähnelte Engel dem Wiener Sprachkritiker Karl Kraus, auf den er sich auch gelegentlich bezog.

Nur eines stört an Engels Buch: die beständigen Wutausbrüche des Autors gegen die „Fremdwörterei“. Es gibt durchaus gute Gründe, vor einem übertriebenen Gebrauch von Fremdwörtern zu warnen: Sie sind schwerer verständlich; ihnen fehlt anfangs die lebendige Verbindung zum deutschen Wortschatz; sie passen schlechter zur deutschen Wortbildung; sie dienen oftmals Angebern nur zur sprachlichen Hochstapelei. Doch Engels Krieg gegen Fremdwörter ging über jedes vernünftige Maß hinaus, wie schon seine blutigen Kampfbegriffe zeigen: Der Gebrauch der „minderwertigen“ Fremdwörter war für ihn eine „Seuche“, eine „krebsartige Sprachkrankheit“. Er redete von einem „fremden Blutgift“, das „die sprachlichen Blutbahnen“ verschmutze. Er bezichtigte Deutsche, die Fremdwörter gebrauchten, sie übten sich im „Mauscheln“ und redeten eine „Zigeunersprache“. Beinahe alle Fremdwörter wollte Engel am liebsten aus der deutschen Sprache „ausmerzen“.

Engel redete über Fremdwörter so, wie fanatische Antisemiten gleichzeitig über die Juden sprachen. Engel aber war selbst jüdischer Herkunft, hatte sich allerdings von dieser Kultur völlig gelöst. Politisch war er ein konservativer, stramm deutschnationaler Mann. Vor diesem Hintergrund erscheint sein Krieg gegen die Fremdwörterei in recht trübem Licht. Der jüdische Deutsche wollte offenbar seinen rechten Gesinnungsgenossen durch extremen Sprachnationalismus die eigene Deutschheit beweisen. So erklärt es sich denn auch, dass er einzig Lehnwörter wie Nase, Tisch und Fenster von seinem Verdammungsurteil ausnahm. Sie hatten sich bis zur Unkenntlichkeit ans Deutsche angepasst – so wie Eduard Engel auch, der das Wort „Deutsch“ grundsätzlich großschrieb. Die deutschen Nationalisten dankten es ihm nicht. 1933 wurde Engel von seinen puristischen Gesinnungsgenossen verlassen und vom Staat mundtot gemacht. Er starb bald darauf, vergessen und in Armut. Der Nazi-Mitläufer Ludwig Reiners schlachtete Engels Werk 1943 für ein eigenes Buch mit gleichem Titel aus, das noch heute in vielen Regalen steht.

Aus dem tragischen Fall von Eduard Engel lässt sich lernen: Auch heute folgen einige Zuwanderer dem Lockruf der Rechten, Fremde müssten sich doch nur vollständig germanisieren und wären dann auch willkommen. Im Vertrauen auf dieses Versprechen werfen Einwanderer ihre alte Kultur ab, ja einige helfen wie Akif Pirinçci als nützliche Idioten sogar dabei, ihre alte Identität zu denunzieren. Selbstverständlich ist überhaupt niemand dazu verpflichtet, sich einer Kultur zu verschreiben oder einer Identität zu unterwerfen. Keinesfalls muss etwa jemand, nur weil er türkischer Herkunft ist, den Islam mögen. Einen schäbigen Eindruck aber machen Leute, die ihre Herkunftskultur herabsetzen, ja verunglimpfen, um sich damit bei den Nationalisten ihrer neuen Heimat anzubiedern.

Rechts hört man allerdings auch längst Stimmen, die gar nicht nach Integration rufen, sondern gerade in ihr geheime Zersetzung wittern. Der völlig angepasste Fremde, der ununterscheidbar Gewordene erscheint diesen Volksverteidigern als größte Gefahr. Man kann sich jedenfalls sicher sein: Sollten die Nationalisten aufs Neue an die Macht kommen, dann nützen Sprache und Kultur gar nichts. Dann zählt wieder einmal nichts als das Blut.

Michael Bittner

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Die Deutsche Stilkunst von Eduard Engel ist antiquarisch und in verschiedenen Nachdrucken erhältlich. Das hervorragende Vorwort von Stefan Stirnemann rechtfertigt aber die Anschaffung der leider ziemlich teuren Neuausgabe in der Reihe Die Andere Bibliothek:

Eduard Engel: Deutsche Stilkunst. Nach der 31. Auflage von 1931. Mit einem Vorwort bereichert von Stefan Stirnemann. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2016, 2 Bände, 976 Seiten, 78 Euro

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Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien zuerst in der Sächsischen Zeitung.

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